Mittwoch, 9. Dezember 2009

Meine Emaus-Klasse

Ich liebe sie alle, manchmal.

Nein, ganz so schlimm ist es nicht, ich übertreibe wie so gerne. Doch von was bzw. wem spreche ich? Es geht um jene Kinder, alle im Alter von sieben bis 14 Jahren, mit familiären Hintergründen, aufgrund derer sie nicht in das "normale" Schulsystem eingegliedert werden können. Von ihren Eltern vernachlässigt sind sie gezwungen ohne Erziehung aufzuwachsen. Sie kennen weder Grenzen noch Zuneigung. Wahrscheinlich nimmt sie abends niemand liebenvoll in den Arm, um ihnen eine erholsame Nacht zu wünschen.

Vielleicht, wenn ich einmal wieder nach Brasilien komme, in ein paar Jahren, sind einige meiner Schützlinge bereits hoffnungslos an Alkohol undoder Drogen verloren. Es könnte sogar sein, dass viele von ihnen ihren 18. Geburtstag nicht erleben.

Obwohl meine Schützlinge anstrengend sind, wie alle Kinder andere Dinge im Kopf haben als Disziplin und Ehrgeiz, obwohl sie mir oftmals Kopfschmerzen und -zerbrechen bereiten, bete ich für sie. Bete ich für eine Zukunft, die sie nur selber im Stande sind aufzubauen. Ich bete dafür, dass sie eben dies erkennen.

Damit Ihr einen Eindruck von den Kindern bekommt, mit denen ich tagtäglich zu tun habe und deren Schicksal ihr nun kennt, möchte ich sie Euch vorstellen. Ihnen fehlt leider eine gemeinsame Stimme, also werde ich für sie reden:

Da hätten wir die Dona Deborah-Familie (Bettler), an deren Verhalten ich ehrlich am meisten zu knabbern habe.

Evelyn ist zwölf, kann halbwegs lesen und schreiben. Rechnen fällt ihr schwer. Sie ist schulisch auf dem Stand einer Drittklässlerin. Wie es in ihrer Seele aussieht, weiß ich nicht, nur dass sie als Mutterersatz dient und wie ihre jüngeren Geschwister zum Betteln in die Stadt geschickt wird.

Edilson und Everson sind ihre beiden jüngeren Brüder, sie können nicht lesen und kennen nur vereinzelte Buchstaben. Rechnen ist noch nicht drin, dafür können sie bis 15 zählen. Sie sind acht und neun.

Eliomar, oder Igo genannt, ist zehn Jahre, ebenfalls Teil der Familie. Er kann lesen und schreiben und rechnen kann er. In letzter Zeit kommt Igo immer seltener zur Schule, weil er bei seiner Großmutter lebt, die ihn arbeiten schickt. Vor einigen Wochen wurde er dabei beobachtet, wie er illegal DVDs verkauft. Werdegang ungewiss!

Die Mutter ist passiv, tut nichts, lässt ihre Kinder mit deren Sorgen allein. Erziehung scheint für sie ein Fremdwort zu sein. Der Vater kommt hin und wieder vorbei. Da er mehrere Familien hat, bleibt die gemeinsame Zeit mit ihm begrenzt. Die Familie ist umgezogen, weil sie ihr Haus haben verwahrlosen lassen, in der ärmsten Straße des Viertels. Dort, wo sie jetzt wohnen, gibt es weniger Gewalt. Vielleicht eine Chance.

Elder ist zehn, hyperaktiv wie so viele Kinder und auf den Kopf gefallen. Seitdem ist er dabei, alles nach und nach wieder neu zu lernen. Abgesehen davon, dass er extrem häufig den Klassenclown spielen muss und nie die Finger von einem lassen kann, geht es ihm gut. Mehr oder weniger zumindest. Lesen, schreiben, rechnen - kein Problem. Er ist intelligent und die durch den Fall verlorenen Fähigkeiten erarbeitet er sich langsam zurück.

Franciele, 14, ist geistig zurück geblieben und wird wohl sexuell missbraucht. Ob dies in der Familie geschieht, weiß ich nicht. Ein paar Nachbarkinder wurden allerdings von einer anderen Freiwilligen beim Versuch, sie zu vergewaltigen, erwischt. Sie wird wahrscheinlich früh Mutter. Leider.

Alisson ist 13 oder 14, Epileptiker und kurz davor, in den Alkoholismus abzurutschen. Entwickelt er sich so wie sein Bruder, wird er in ein paar Jahren drogenabhängig sein und dealen. Seine Mutter ist geistig zurück geblieben ebenso wie Alisson auch (er schafft es gerade mal, seinen Namen zu schreiben und gewisse Zahlen wieder zu erkennen). So unterstützt sie ihren Sohn lieber, als ihn herauszufordern. Trinkt Alisson weiterhin Cachaca, keine Ahnung, wo er enden wird.

Ludemille, zwölf vielleicht, ist das Kind einer Alkoholikerin, die sich prostituiert. Sie schlägt gerne um sich, ein Ausdruck dessen, was sie zu Hause erlebt. Es ist schwierig mit ihr. Immerhin kommt sie relativ regelmäßig zur Schule.

Es fehlen noch Gerciliano, Allessandra und Allessandro (Zwillinge). Die kommen die Tage. Der Eintrag ist schon lang genug ;)

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